Stellungnahme zu den derzeitigen Montagsdemonstrationen

In den vergangenen Wochen fanden im ganzen Bundesgebiet sogenannte Montagsdemonstrationen oder Mahnwachen statt. Das Ziel vieler Teilnehmenden ist es dabei, angesichts der Krise in der Ukraine und der Einflussnahme des Westens und Russlands, zu einer friedlichen Lösung zu mahnen. Die Initiativen der traditionellen Ostermärsche und viele Medien ([1],[2],[3]) machten jedoch darauf aufmerksam, dass durch die prägenden Organisatoren und Redner der Friedensappell dieser Mahnwachen mit neu-rechtem Gedankengut und Verschwörungstheorien, die deutliche antisemitische Züge tragen, verquickt wird.

So ist neben der Friedensforderung die zentrale These der vom Initiator Lars Mährholz angestoßenen Mahnwachen, dass die amerikanische Notenbank die Ursache aller Kriege der letzten 100 Jahre sei und über die US-Außenpolitik entscheide. Erstens ist das falsch, zweitens transportiert diese Behauptung die antisemitischen Klischees der jüdischen Weltverschwörung und des Geldjudentums und drittens entbindet es alle, die daran glauben wollen, auf die bequemste Weise von der historischen Verantwortung für diese Kriege und die deutsche Geschichte, in deren Zuge Millionen von Menschen im Holocaust ermordet wurden. Wenn aber die historische Verantwortung abgestritten wird und stattdessen ein neues Feindbild präsentiert wird, wie glaubwürdig kann dann die persönliche Verantwortungsbereitschaft zur Verhinderung kommender Kriege und Verbrechen sein?

Dass mit den rhetorisch versierten Jürgen Elsässer, Andreas Popp und besonders Ken Jebsen Personen maßgeblich mitmischen, die mit einem paranoiden Weltbild, Demagogie und Verzerrung der Wirklichkeit und der Geschichte arbeiten, bestätigt den Eindruck, dass hier vernebelt statt aufgeklärt wird. Die pauschale Verunglimpfung sämtlicher Medien und aller Politikerinnen und Politiker – noch dazu in Verbindung mit den paranoiden Vorstellungen – führt die Menschen in ein Gefühl von Ohnmacht, das sie umso mehr an die “Aufklärung” und Empfehlungen der drei genannten Herren bindet.

Zu einem Zeitpunkt, in dem in vielen europäischen Ländern rechte Parteien in Wahlumfragen Zuspruch im zweistelligen Prozentbereich erfahren, muss auch hierzulande verstärkt darauf geachtet werden, den Rechten den öffentlichen Raum nicht zu überlassen.

Aus unserer geldreformerischen Sicht ist das öffentliche Wirken von Andreas Popp und seiner Wissensmanufaktur außerordentlich gefährlich, da er Teile unserer inhaltlichen Positionen in sein Programm übernommen hat und sie mit seinen antisemitischen Vorstellungen verbindet, die er geschickt unter der Maske der Menschlichkeit zu verbergen weiß. Mit Michael Vogt hat er einen engen Mitarbeiter an seiner Seite (Mitglied des wissenschaftlichen Beirats), der über viele Verbindungen ins rechts-esoterische, geschichtsrevisionistische Lager bis hin zur Olaf Rose, Bundespräsidentskandidat der NPD, verfügt. Vogts rassistisches und nationalistisches Manifest “Aufbruch Gold-Rot-Schwarz” hat zur Diskussion des Arierparagrafen im Dachverband der Deutschen Burschenschaft geführt.

Andreas Popp und Jürgen Elsässer versuchen mit ihrer Querfrontthese, nach der die Begriffe rechts und links anachronistisch seien, über ihre rechte Gesinnung hinwegzutäuschen. Mit diesen Begriffen will Popp den des Antisemitismus gleich mit abschaffen. Mit dieser Methode, bekannte Begriffe für abgeschafft zu erklären oder umzudefinieren, führt er seine Zuhörerschaft in sein geschlossenes Weltbild ein, in dem es nur noch ein Oben (die Fed und ihre Zuarbeiter) und ein Unten (das ausgebeutete Volk) gibt. Popp vertritt das bei der Neuen Rechten weit verbreitete Konzept des Ethnopluralismus, das zunächst vordergründig alle Völker auf eine Stufe stellt und so scheinbar frei von Rassismus ist. Aber er geht wie Michael Vogt davon aus, dass die Deutschen eine Sprach-, Kultur- und Abstammungsgemeinschaft sind und infolgedessen ein Mensch nur dann ein Deutscher ist, wenn er neben dem deutschen Pass auch die „richtige“ Abstammung besitzt.

Obwohl die Ideen zu einer anderen Ausgestaltung des Geldes hier im Kontext einer menschenverachtenden Ideologie auftauchen, sind die Reformvorschläge bzgl. des Geldwesens und der Zinsen weit verbreitet und ökonomisch diskussionswürdig. Sie spielen bis heute in vielen Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam) eine wichtige Rolle und haben beispielsweise auch das Wirken von Joseph Beuys und Michael Ende beeinflusst.

Natürlich ist eine Geld- und Bodenreform kein Allheilmittel, sondern nur ein Beitrag von vielen zu einem nachhaltigeren und somit friedlicheren Miteinander. Insofern freuen wir uns, wenn viele Menschen die zunehmend elitäre, neoliberale und unausgewogene Berichterstattung in vielen Medien anprangern und gegen die Eskalation in der Ukraine auf die Straße gehen. Jedoch ist beim Flagge-zeigen darauf zu achten, welche Flaggen neben der eigenen erscheinen und dass von einer Menschenmenge derjenige, der am lautesten schreit, am besten gehört wird. Wer mit Nationalisten und anderen Ideologen zusammen aufläuft, vergisst, dass mit einer Geldreform mehr verloren als gewonnen würde, wenn dabei Feindbilder aufgebaut und der Humanismus zu Grabe getragen werden würde.

Gudula Frieling und Bernhard von Czettritz